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Südtirol: „Roter Hahn“

100 Prozent regional: Südtirols Bauernhöfe boomen

Südtirol  

Über 2,8 Millionen Gäste machten im vergangenen Jahr Ferien auf Weingütern, Obstplantagen oder Milchhöfen in Südtirol. Großen Anteil an dieser Rekordzahl hat das Label „Roter Hahn“

Von Marco Wehr

 Die Zeit drängt an diesem Morgen. Als der Tierarzt das Kälbchen Momo auf die Welt holt, ist das Gepäck schon im Auto verstaut. Doch Lana und Martina haben Glück. Sie können bei der Geburt dabei sein und zusehen, wie Mutterkuh Mia ihr Kälbchen liebevoll sauber leckt. Auch Bauer Josef Fischnaller vom Peterwieshof in Villnöß ist froh. Die Geburt ist reibungslos verlaufen, und auch die Urlaubsgäste konnten nicht alltägliche Eindrücke vom Leben auf seinem Hof erleben. „Sie sollen ganz bewusst am Alltag auf dem Hof teilnehmen und unsere bäuerliche Südtiroler Lebensart kennenlernen“, erklärt der gelernte Tischler, was ihn als Gastgeber antreibt. Dazu gehöre auch, gemeinsam nach Sonnenaufgang im Stall Gülle zu schaufeln oder mit ihnen hinauf zur eigenen Almhütte zu wandern. Dieses authentische alpine Landleben suchen die Gäste ganz gezielt, so Fischnaller. „Und dank des Roten Hahns an meiner Tür können sie auch sicher sein, das bei uns zu finden.“

Schweiz Das Qualitätslabel Roter Hahn wurde Ende der 1990er Jahre vom Südtiroler Bauernbund (SBB) ins Leben gerufen. „Bis dahin war „Urlaub auf dem Bauernhof“ zwischen Etsch- und Pustertal zwar schon lange ein Thema, hatte aber für viele Landwirte noch nicht den Stellenwert wie heute“, erklärt Sandra Knoflach, beim SBB zuständig für die Vermarktung des Roten Hahns. So sei es bis vor einigen Jahren nicht selbstverständlich gewesen, auf abgelegenen Berghöfen fließendes Wasser oder Strom zu haben. Das hat sich grundlegend geändert. Rund 1.660 Betriebe erfüllen aktuell die strengen Kriterien, um unter der Dachmarke Roter Hahn Urlauber zu bewirten. Wer mit dieser um Gäste wirbt, strengt sich an: Top-Design und moderne Ausstattungen wie Fußbodenheizung, Satelliten-TV oder Raumverkleidung aus regionalen Hölzern, machen aus dem Bauernhof eine Lifestyle-Urlaubsadresse. Auch Pool und Spa-Bereich sind keine Seltenheit, ebenso wenig Barrierefreiheit. Das WLAN ist selbst in Südtirol abgelegenen Dolomitentälern häufig schneller als zuhause. Das alles honorieren die Urlauber. 2018 kamen alleine aus Deutschland knapp anderthalb Millionen Urlauber – und damit mehr als je zuvor. Ein großer Teil der auf den Höfen angebotenen Produkte, wie Milch, Eier, Honig, Käse oder Wurst, muss aus eigener Herstellung stammen. Persönlicher Kontakt zu den Gästen ist ausdrücklich erwünscht. Wer diese und viele weitere Kriterien erfüllt, kann die Auszeichnung Roter Hahn erhalten. „In Zeiten, in denen es für die Bauern immer schwieriger wird, nur von der Landwirtschaft zu leben, hilft der Rote Hahn mit Schulungen und individueller Beratung, ein zweites Standbein aufzubauen“, sagt Knoflach. Dadurch werde die Landwirtschaft auch für die jungen Leute wieder attraktiv, weil man die wirtschaftlichen Perspektiven durch zusätzliche Verdienstmöglichkeiten erweitere. So wie bei Familie Malfertheiner mit ihrer Bergpasta.

Hof Obermalid liegt abgeschieden auf 900 Metern Höhe in der Nähe von Kastelruth. Neben dem Anbau von Biogetreide haben sich Max und Brigitte Malfertheiner auf Hühner spezialisiert. Ihre vier Söhne packen fleißig mit an. Über 4000 Vögel in ökologischer Freilandhaltung liefern die Eier für die „Malider Bergpasta“. Weil auch der dazu benötigte Dinkel und Buchweizen aus Südtirol, Roter Hahneigenem Anbau stammen und der gesamte Herstellungsprozess auf dem Hof stattfindet, hat die Familie für die in der Region einzigartige „Pasta di Montagna“ den Roten Hahn erhalten. „Mit dieser Auszeichnung haben wir Zugang zu der Kundschaft, die auf regionale und nachhaltige Lebensmittel Wert legt. Denn der Rote Hahn ist schon weit über Südtirol hinaus ein Begriff“, sagt Brigitte Malfertheiner. Inzwischen vertreiben vier Bio-Geschäfte in der Umgebung die Öko-Nudeln. Weitere sollen bald hinzukommen.

Über Zulauf kann sich auch Herbert Kerschbaumer nicht beklagen. Seit sieben Jahren bietet der Landwirt seinen Urlaubsgästen Schnitzkurse an. Damit gibt er ein Stück bäuerlicher Handwerkskultur weiter. In seiner Werkstatt, die gleichzeitig Verkaufsraum ist, hobelt er geschickt an einem Block Zirbenholz. Das Gesicht nimmt langsam Konturen an und bald erkennen die Teilnehmer des Kurses, dass der grobe Klotz allmählich die Gesichtszüge Christi annimmt. Als sie dann an der Reihe sind, zeigt Kerschbaumer geduldig die notwendigen Südtirol Handgriffe. Kerschbaumer kreiert Holzkunst und Alltagsgegenstände auf Bestellung, macht Exponate für Messen und Ausstellungen. Kruzifixe gehören von Anfang an zu seinem Standardrepertoire. Das Schnitzhandwerk hat er von seinem Vater gelernt. Und auch sein Sohn wiederum hielt schon mit zwei Jahren das Schnitzeisen in den kleinen Händen. „Das Holz, das ich bearbeite, hole ich aus meinem eigenen Wald, vor allem Zirbe, Nuss, Linde und Kastanie. Jedes meiner Werke stammt somit zu hundert Prozent aus der Region“, erklärt der Holzbildhauer aus dem Eisacktal.

„Eifrig geschnitzt wurde im Winter in den Stuben, wenn die Arbeit auf den Feldern und in den Ställen es zeitlich erlaubte“, erzählt Sandra Knoflach, warum auch die traditionelle Schnitzkunst mit dem Roten Hahn gefördert wird. Denn auch das sei Teil der bäuerlichen Lebensart, die man erhalten wolle. Doch es gebe auch einen weitere Aspekt, den man dem Roten Hahn verdanke – und der sei schließlich der wichtigste: die makellose Kulturlandschaft mit blühenden Obstgärten, gemähten Almen und malerischen Weinbergen werde durch die Bauern bewahrt. Damit das so bleibe, müsse man der Landwirtschaft den Rücken stärken. „Die Gäste werden weiterhin nach Südtirol kommen, wenn es so bleibt, wie es jetzt ist. Aber dafür brauchen wir die Bauern. Ohne sie geht es auch in Zukunft nicht“.

Weitere Informationen:

Kontakt Roter Hahn: Südtiroler Bauernbund Roter Hahn, Kanonikus-Michael-Gamper-Straße, I- 39100 Bozen/Südtirol, Tel. 0039/047/ 999 325, E-Mail Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , www.roterhahn.it

Peterwieshof: Valentinweg 3, St. Peter , I-39040 Villnöss/Südtirol, Tel. 0039/0472/671484, E-Mail. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , www. peterwieshof.it

Bauernhof Obermalid: St. Oswald 9, I-39040 Seis am Schlern/Südtirol, Tel. 0039/3383/808046, E-Mail. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , www.obermalid.com

Thalerhof: Schnauders 17, I-39040 Feldthurns/Südtirol, Tel.0039/0472/855 258. E-Mail. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , www.thalerhof.it

 

 

 

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