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Sizilianischer Barock

Sizilien

Natur und Kultur erwandern: Die Quintessenz des sizilianischen Barocks

Sizilien

Sizilien ist mehr als Mafia und Palermo. Fernab der Metropole locken im Südosten der Mittelmeerinsel barocke Städte und geschichtsträchtige Landschaften.   

Von Uwe Junker

Die Sonne des späten Nachmittags lässt den Sandstein des barocken Doms San Pietro in Modicas Oberstadt golden leuchten.

Junge Paare, festlich gekleidet, eilen Hand in Hand die weitläufige Freitreppe hinauf, um einen Hochzeitsgottesdienst noch rechtzeitig zu erreichen. Die Statuen der zwölf Apostel, die Siziliendie Treppe säumen, blicken zu ihnen herab. Von der gegenüberliegenden Straßenseite zieht uns süßer Schokoladenduft magisch an. Wir folgen ihm und stehen unvermittelt in Siziliens ältester und weltberühmter Schokoladenmanufak-tur, der Antica Dolceria Bonajuto. Seit 1880 Sizilienwird hier spanische Aztekenschokolade hergestellt. Modica ist eine von acht spätbarocken Städten des Val di Noto im Südosten Siziliens. Und die Schokoladenmetropole schlechthin. Am Corso Umberto Primo reiht sich Chocolatteria an Chocolatteria.   

Wenig später haben wir in einer der engen Altstadtgassen das bescheidene Geburtshaus des sizilianischen Lyrikers und Nobelpreisträgers Salvatore Quasimodo gefunden. Unsere Reiseleiterin Dottoressa Alessandra Barabaschi, kurz Alex, Autorin und Kunsthistorikerin, zitiert aus einem seiner Gedichte: „Vergessen hab´ ich das Meer, die schwere Muschel, von Siziliensizilianischen Hirten geblasen, den Singsang der Karren auf den Straßen, wo der Johannisbrotbaum im Rauch der Stoppeln bebt, vergessen hab` ich den Schritt der Reiher und Kraniche in der Luft der grünen Höhen, (…). Doch der Mensch beklagt überall das Schicksal seiner Heimat (…)“  - Worte, die heute so aktuell sind wie damals. „Die Lebenswelt seiner Kindheit und Jugend, die Sehnsucht nach seiner heimatlichen Insel blieben die zentralen Momente seines literarischen Schaffens“, erklärt Alex.

Die faszinierende Natur „seiner“ Insel hat Quasimodo offenbar sehr treffend beschrieben. Denn seine Worte erinnern uns unmittelbar an die Eindrücke vom Tag zuvor: Wir haben das SizilienNaturreservat Vendicari durchwandert, meist an der Küste entlang, an Johannisbrotbäumen vorbei, den Duft nach Thymian in der Nase, weiße Reiher beobachtend, die in den ausgedehnten salzhaltigen Lagunenseen nach Nahrung suchten. Früher wurden in den Seen Siziliendie in der nahen Thunfischfabrik, der Tonnara, geschlachteten Fische gekühlt gelagert. Mittels eines von den Arabern nach Sizilien gebrachten komplizierten Reusen-Systems waren die Tiere zuvor in die Todeszelle geleitet worden. Dort harpunierten die Fischer der SizilienRegion sie dann martialisch. Ein kleines Museum erinnert an diese Zeit. Die Ruinen der nach dem zweiten Weltkrieg aufgegebenen Tonnara stehen in der heute friedlichen, von Menschenmassen verschonten Küstenlandschaft wie andernorts auf Sizilien griechische Tempel.

Szenenwechsel: Wir haben den Turm der Kirche Santa Chiara in Noto bestiegen und sind überwältigt von dem homogenen Miteinander von Kirchen und Palästen, das wie ein Sizilienbarocker Skulpturengarten imponiert. Eine Stadt wie ein monumentales Bühnenbild, erschaffen von Gagliari, Sinatra und Labisi, den drei seinerzeit  bedeutendsten Architekten. Die Drei erhielten dank gut gefüllter Geldbeutel von Adel und Kirche die seltene Chance, eine völlig neue Stadt am Reißbrett zu erschaffen und haben sie offensichtlich vortrefflich Siziliengenutzt. Das alte, zehn Kilometer landeinwärts gelegene Noto war durch das verheerende Erdbeben von 1693 völlig zerstört worden. Alex lässt einen aus unserer Gruppe ein treffendes  Zitat des sizilianischen Schriftstellers Vincenzo Consolo vorlesen: „Das Barock schafft diese unvergleichliche Schönheit, die außerordentliche, eines Mozarts würdige Musik von Locken, Voluten, Adagio und Forte“. Die verrücktesten Balkondekorationen der Stadt Sizilienfinden wir am Palazzo Nicolaci di Villadorata – Fratzengesichter, Fabelwesen und Ungeheuer. Die Chiesa del Santissimo Crocifisso an der Piazza Mazzini beherbergt die ganz wenigen wertvollen Relikte aus Noto antica, die das verheerende Erbeben verschonte: die Marmorstatue der Madonna della Neve von Francesco Laurana und die beiden großen romanischen Löwen, die einst den Stadteingang bewachten.

Das Gebiet des Monte Alverina, in dem die Ruinen des alten Noto liegen, durchwandern wir am nächsten Tag. Wege und Mauerreste verschwinden oft unter Gestrüpp, nur das Summen der Fliegen und Rascheln der Eidechsen unterbrechen die melancholische Stille. Wir Sizilienerfrischen unsere Füße im ebenso klaren wie kalten Wasser eines Bergbachs. In seiner Nähe findet Alessandra den verwunschenen Pfad zur gut erhalten Gerberei der einstigen Stadt in einer geräumigen Höhle. Mystische Ruhe auch in den Nekropolen von Pantalica, der Totenstadt der Sikuler, ein Volk, das von den einwandernden Griechen besiegt und verdrängt wurde. Inmitten der kargen, schwer zugänglichen Monte Iblei finden sich 5000 Grabkammern, die aus der Ferne wie Bienenwaben erscheinen - mühsam in die hellen Kalksteinfelsen hinein gehauen. „Die Leute hier in der Gegend behaupten, man höre die SizilienToten rufen, wenn die Winterstürme über die zerklüfteten Felsen toben und sich in deren Löchern verfangen“, erzählt uns Alex.  Wir klettern auf und ab über Ziegenpfade und verwitterte Treppen und begegnen einmal mehr der wechselvollen Geschichte Siziliens: SizilienEinige der Höhlen wurden von Christen  vergrößert und zu Kapellen umgestaltet. Die suchten hier in dieser abgelegenen Bergregion einst Zuflucht vor den nahenden arabischen Invasoren.

„Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: Hier erst ist der Schlüssel zu allem“, schrieb Goethe 1787 in seiner italienischen Reise. Schade nur, dass er nicht in Syrakus war. Denn hier, in der ehemals mächtigsten Stadt der westlichen Welt,  hätte er den vielleicht Siziliennachdrücklichsten Beleg für seine These gefunden: Der Tyrann Dionysios und der Mathematiker Archimedes haben hier ihre Spuren hinterlassen, der archäologische Park beherbergt sowohl ein griechisches, als auch ein römisches Theater. Und die halbrund geschwungene Piazza Duomo im Herzen der Altstadt auf der Halbinsel Ortigia ist zweifellos eines der schönsten Zeugnisse barocker Architektur in Italien. .„Der Dom hier vereint alle Sieilienhistorischen Epochen des Landes“, schwärmt Alex. „ Hier an der Nordseite seht ihr die Säulen des ursprünglichen Athena-Tempels aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Der Raum zwischen den Säulen wurde später in christlicher Zeit zugemauert, die Haupthalle des Sizilieneinstigen Tempels bildet heute das Mittelschiff des Doms. Und dort oben, in dem runden Glasfenster findet sich noch ein Kreuz aus normannischer Zeit“. - Goethe hätte seine helle Freude gehabt! 

   

Weitere Informationen:                                    

 Wikinger Reisen bietet zum Beispiel diese Reise an. Empfohlen wird dazu, dass für die Wanderungen Wanderschuhe ratsam sind. Ebenfalls Trittsicherheit und durchschnittliche Kondition.

Zu erreichen unter: Telefon 02331/9046, www.wikinger-reisen.de, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

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