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Weinbergszene im Lavaux
Lavaux: Hier wächst der Chasselas


Blick auf Epesses

Blick auf Epesses am Genfer See mit den Alpen im Hintergrund

Von Marco Wehr

Das Lavaux gehört landschaftlich und kulinarisch zu den attraktivsten Reisezielen der Schweiz. Doch trotz UNESCO-Welterbestatus, Alpenpanorama, pittoresken Winzerdörfern und mediterranem Klima ist die Region am Genfer See über die Landesgrenzen hinaus nur Kennern ein Begriff.

„Jetzt Boost!“ Pascal Pouly will mit seiner Gruppe hoch hinaus. Die steilen Pfade und verschlungenen Wege durch die Terrassenlandschaft zwischen Vevey und Lutry sind das Revier des E-Bike-Guides. Ein Heimspiel für den junggebliebenen 72-jährigen, der Besuchern seine Heimat am Nordufer des Sees auf zwei Rädern zeigt. Und es ist ratsam, dem Kommando des Westschweizers zu folgen.

Denn ohne elektrische Unterstützung bliebe für viele Teilnehmer seiner Touren oft nur das Absteigen vom High-Tech-Drahtesel – und mühsames Schieben. Ein kurzes Hochschalten, und die zunächst unbezwingbar wirkende Steigung ist fast mühelos geschafft. Als Belohnung warten immer wieder traumhafte Ausblicke auf die Weinberg-Szenerie, den Genfer See und die Alpen.

 

Typische Weinbergszene im LAvauxTypische Weinbergszene im Lavaux

 

Früher arbeitete Pascal Pouly als Manager für einen weltbekannten Fahrradbauer, bevor er das Radfahren selbst zu seinem Beruf machte. Heute durchfährt er mit Besuchern aus aller Welt das Lavaux – und bringt sie zum Staunen. Denn das, was er zeigt, wirkt beinahe unerwartet mediterran. In manchen Momenten vergisst man, mitten in der Schweiz zu sein, und fühlt sich eher an die Küsten des Mittelmeers versetzt – in eine jahrhundertealte Kulturlandschaft aus Reben, Steinterrassen und Licht.

„Mehr als zehntausend Terrassen ziehen sich über die steilen Hänge. Verbunden durch endlose Trockensteinmauern aus Kalkstein“, erklärt er bei einer kurzen Trinkpause. „Zusammengenommen haben wir eine Gesamtfläche von 800 Hektar“, sagt Pouly. Im internationalen sei das wenig, für die Schweiz mit ihren vielen kleinen Weinbauregionen jedoch sehr viel.

Er berichtet, dass bereits im Mittelalter Mönche die steilen Hänge für den Weinbau erschlossen hätten, da sie Sonne und Wärme besonders gut speichern. Über die Jahrhunderte hätten sich die Anbaumethoden weiterentwickelt, doch die grundlegenden Bedingungen seien geblieben. Heute prägten vor allem kleine Familienbetriebe den Weinbau im Lavaux.

 

Pascal Pouly erklärt seine Welt: das LavauxPascal Pouly erklärt seine Welt: das Lavaux

Chasselas: der typische Weißwein des Lavaux

Weit unten glitzert dann der Genfer See in der Mittagssonne, und der Regionalzug nach Montreux fährt im Takt des Fahrplans wie eine Spielzeugbahn durch die Kulissen, bevor er hinter einer Kurve verschwindet. Jetzt im heißen Frühsommer kann man den Trauben beim Wachsen zusehen. Aus ihnen keltern die Winzer den Chasselas – den typischen, elegant-leichten Weißwein des Lavaux.

In dieser fast modellbauhaften Landschaft legt Pascal eine Mittagspause ein und führt seine Gäste zur Terrasse der Domaine de la Crausaz. Hier, in der Nähe von Grandvaux, öffnet sich ein weiter Blick über die Rebterrassen, den See und die Alpen am gegenüberliegenden Ufer, die bereits zu Frankreich gehören. Kaum ein Gast betritt die Terrasse und greift nicht sofort zum Smartphone, um die Szenerie festzuhalten. Neben der Aussicht bietet sich die Gelegenheit, den Chasselas und lokale Spezialitäten zu probieren.

Mitbesitzerin Annigna Gerig serviert liebevoll zusammengestellte Teller mit Wurst- und Käsespezialitäten, dazu frisches Brot. Und schnell kommt man ins Gespräch. Sie erzählt, dass das Weingut schon seit über 500 Jahren in der Region verwurzelt ist. Die Arbeit in den extrem steilen Hängen sei sehr anspruchsvoll, sagt die Winzerin, die gemeinsam mit ihrem Partner Pierre Fonjallaz den Betrieb führt und sich als Gemeinderätin auch für die Interessen der lokalen Winzer engagiert. Ein großes Problem sei der zunehmende Fachkräftemangel in der traditionellen Weinwirtschaft.

 

Annigna Gerig engagiert sich für den regionalen WeinbauAnnigna Gerig engagiert sich für den lokalen Weinbau

 

„Ob bei Frost oder 40 Grad in der prallen Sonne – vieles muss weiterhin in Handarbeit erledigt werden. Das macht die Produktion im internationalen Vergleich sehr teuer“, erklärt sie. Gleichzeitig könnten ausländische Produzenten ihre Weine oft deutlich günstiger anbieten. Viele Betriebe versuchten daher, sich zusätzlich zu diversifizieren – etwa durch Gastronomie oder Übernachtungsangebote, so Gerig.

Und Letztere würden nicht nur hier in Grandvaux gut angenommen, wie Reiseführer Pascal Pouly bestätigt. „Als vor einigen Jahren Covid ausbrach und die ausländischen Reiseziele für uns wegfielen, haben viele Schweizer das Lavaux für sich entdeckt. Hotels und Pensionen verzeichnen seitdem jedes Jahr Zuwächse, auch ohne Corona.“ Und trotzdem setze die Region laut Pascal auf sanften Tourismus. „Massentourismus und die damit verbundenen Auswüchse wird es bei uns nicht geben.“ Das ließe schon der UNESCO-Welterbestatus nicht zu, der dem Wachstum zum Glück enge Grenzen setze. Besucher seien oft Tagesgäste oder Kurzreisende. Sie schätzten den authentisch-bodenständigen Charakter, der im Vergleich zu anderen Hotspots des Landes noch relativ ruhig geblieben ist.

 

Am Genfer See herrschen ideale Bedingungen für den WeinanbauIm Lavaux herrschen ideale Bedingungen für den Weinbau

Saint-Saphorin und Jean Villard

Gut gestärkt geht es weiter mit den Fahrrädern ins nächste Winzerdorf. Saint-Saphorin liegt malerisch eingefasst zwischen Seeufer und dem Fuß der Lavaux-Hänge. Der historische Kern ist geprägt von Winzerhäusern und engen Gassen und gilt weit über das Lavaux hinaus als besonders stimmungsvoller Ort.

Saint-Saphorin entwickelte sich im 20. Jahrhundert auch zu einem Refugium für Künstler. Einer der bekanntesten Bewohner war der Chansonnier Jean Villard, genannt „Gilles“. Villard war eng mit der Westschweizer Kulturszene verbunden und feierte auch im benachbarten Frankreich Erfolge. Der Musiker und Schauspieler setzte dem Ort ein kleines musikalisches Denkmal. Die Dorfbewohner revanchierten sich auf ihre Weise und taten das Gleiche für Villard. Auf einer Aussichtsterrasse oberhalb des Ortes erinnert eine Büste an ihn. Bis zu seinem Tod im Jahr 1982 in Saint-Saphorin pflegte er eine enge und tiefe Bindung zum Ort und seinen Menschen, die bis heute nachwirkt.

 Mit Vevey an der sogenannten Montreux Riviera erreicht Poulys Gruppe schließlich die letzte Station der Radtour. Obwohl es entlang der Seepromenade lebhafter zugeht als in den fast stillen Orten davor, wirkt Vevey noch immer deutlich entspannter als das nahe Montreux mit seinem großen Promi-Faktor.

 

Steckt fest: Veveys berühmtes BesteckDie Gabel von Vevey: Das wohl berühmteste Essbesteck der Schweiz

 

Die Stadt ist eng mit dem Namen Nestlé verbunden. Der Weltkonzern hat hier seinen Ursprung und noch immer seine Zentrale. Henri Nestlé entwickelte im 19. Jahrhundert in Vevey eine frühe Form von Säuglingsnahrung, die den Grundstein für den heutigen Weltkonzern legte. Auch die Erfindung der Milchschokolade durch Daniel Peter vor über 150 Jahren ist eng mit der Stadt verbunden. Was in Vevey wie auch an den anderen Orten entlang der Montreux Riviera auffällt: Der Genfer See ist fast überall gut für ein erfrischendes Bad zugänglich. Verbote sind kaum zu finden. Weshalb die Ufer an warmen Tagen stark von Besuchern und Einheimischen aufgesucht werden, die kurz ins Wasser hüpfen oder sich länger im Gras oder auf den Felsen am Ufer sonnen. Und auch Vevey hat seinen Vorzeige-Prominenten. In dem 20.000-Einwohner-Städtchen ist das niemand Geringerer als Hollywood-Ikone Charlie Chaplin.

Der Schauspieler verbrachte die letzten 25 Jahre seines Lebens im nahegelegenen Corsier-sur-Vevey, wo sich heute auch das Museum Chaplin’s World befindet. Besucher können hier die original erhaltenen Wohn- und Arbeitsräume des Hollywoodstars besichtigen. Seine Statue am zentral gelegenen Quai Perdonnet zeigt ihn in klassischer Pose als liebenswerten Tramp und zählt zu den meistfotografierten Motiven der Stadt, ebenso wie die große Metallgabel, die ganz in der Nähe ikonisch in den Boden des Sees sticht.

 

Lebte 25 Jahre bei Vevey: Hollywood-Ikone Charlie ChaplinDer Tramp hält noch immer die Stellung in Vevey

 

Nach rund drei Stunden endet kurz hinter der Gabel die kompakte Radreise durch das Lavaux. Pascal Pouly blickt in zufriedene Gesichter. Viele Fotowünsche konnte er erfüllen, indem er seine Gruppe zu den schönsten Aussichtspunkten mitnahm. Was er sich selber wünscht? Er denkt einen Moment nach und antwortet lächelnd: „Das Lavaux ist außerhalb der Schweiz noch zu wenig bekannt. Erzählen Sie zu Hause davon – und kommen Sie bald wieder.“

 

Badesteg bei CullyBadespaß ist garantiert im sommerlichen Vevey

Weitere Informationen:

Montreux Riviera Tourisme Tourist Information Montreux, Avenue des Alpes 45, CH-1820 Montreux, Tel. 0041/848 868 484, www.montreuxriviera.com/de

Fahrradtouren durch das Lavaux mit Pascal Pouly

E-Bike Together, Avenue de la Prairie 12, CH-1800 Vevey, 0041/ 79 212 11 30, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

Domaine de la Crausaz

Chemin de la Creuse 9, CH-1091 Grandvaux, Tel. 0041/021 357 90 18, www.lecrausaz.ch

Schweiz Tourismus, Mendelsohnstraße 87, 60325 Frankfurt, Tel.0800 1002 0030, www.myswitzerland.com/de-ch