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Verliebt in die Heimat
Über Bärenweiler geht wieder die Sonne auf (Bild: Paddy Schmidt)
Von Frank Schwaibold
Christian Skrodzki will in Bärenweiler aus einem Lost Place wieder einen lebendigen Ort mit Pilgerhotel, Kunsthandwerk-Manufakturen, Brauerei, Seniorenwohngemeinschaften und Hochzeitskirche machen.
Größer könnte der Kontrast nicht sein. Christian Skrodzki steht in Bärenweiler, das vor kurzem noch ein Lost Place war. Ein zurückgelassenes Dorf mit ein paar Gebäuden, einsam und idyllisch gelegen am Lautersee vor den Toren von Kißleggs. Wie aus dem Nichts rauscht nur wenige hundert Meter entfernt fast lautlos ein Intercity der Schweizer Bundesbahnen vorbei. Er verbindet München mit Zürich und fährt dabei auch durch die barocke Landschaft von Oberschwaben. Endstationen der internationalen Linie sind zwei Metropolen, in denen das Leben pulsiert.
Davon ist Bärenweiler weit entfernt. Doch geht es nach Skrodzki, wird sich das ändern. Der 59-jährige gelernte Banker ist Idealist und Macher zugleich. Im Januar 2021 hat er das verlassene Dörfchen übernommen. „Es war damals alles zugewachsen“, erinnert sich Skrodzki. 2019 waren die letzten Bewohner ausgezogen. Nun hat er dem Platz einen neuen Namen gegeben: Heimat Bärenweiler – der Ort für gestern, heute und morgen, so steht es auf seiner Internetseite. Er glaubt fest daran: Der historische Flecken hat Zukunft. Doch warum tut sich einer so etwas an? „Ich bin verliebt in dieses Projekt“, sagt der Unternehmer. „Der Ort strahlt eine unglaubliche Ruhe aus.“ Früher war Bärenweiler eine Spitalstiftung. Die historische Spitalkirche Heilige Dreifaltigkeit war nicht nur der spirituelle Treffpunkt für die umliegenden Kißlegger Bauernhöfe. Im Anschluss an den Gottesdienst wurden vor der Kirche auch die neuesten Nachrichten ausgetauscht und im breiten Flur des damaligen Spitals direkt neben der Kirche an einer langen Tafel zusammen gefeiert.
Der Kreuzgang führt direkt zum Altar der Kirche. Zweimal im Jahr ereignet sich hier Außergewöhnliches. Ende Januar und Anfang Februar sowie Ende Oktober und Anfang November steht die Sonne so tief, dass ihre Strahlen durch den gesamten Kreuzganz bis zum Altar scheinen. Skrodzki nennt es „das Lichtwunder von Bärenweiler“. Die im Jahr 1620 erbaute Spitalkirche mit ihrem barocktypischen Zwiebelturm beheimatet unter ihrem aufwendigen Holzschindeldach Altäre aus dem 18. Jahrhundert. Die originalen Kirchenglocken stammen aus dem Jahr 1619.
Der Dachboden ist eine wahre Fundgrube. Hier gibt es alte Gemälde von kunsthistorischer Bedeutung, aber auch allerlei Krimskrams. Möbel, Nähmaschinen, Radios und Gehstöcke aus grauer Vorzeit, alte Trachten und Kleider sowie Ersatzteile aller Art: Der Sammler Skrodzki kann sich von nichts trennen, bevor die Dinge nicht katalogisiert und bewertet sind.
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ristian Skrodzki ist ein Macher mit Idealen
Unter der Herrschaft des Klosters St. Gallen
Erstmals urkundlich erwähnt wird die Ortschaft Bärenweiler um das Jahr 1200 als „Bernwilla“. Das Kloster St. Gallen hatte zu dieser Zeit die Grundherrschaft über Bärenweiler. Während sich die Spur von Bärenweiler in den mittelalterlichen Aufzeichnungen verliert, kam es im Jahr 1619 zu einer Stiftung des Spitals für Altenpflege durch zwei adlige Frauen: Maria von Hohenems, geborene Paumgarten zu Kißlegg, und ihre Schwester Leonora.
In dieser Zeit wurde das Alte Spital samt Spitalkirche errichtet und der Pflege gewidmet. Genau 400 Jahre war Bärenweiler eine Einrichtung für pflegebedürftige Menschen und wurde zuletzt bis zu seiner Schließung im Jahr 2019 von der Fürstlich Waldburg-Zeil’schen Hospitalverwaltung als Alten- und Pflegeheim betrieben.
Dann kam Skrodzki ins Spiel. Der Zufall half mit. Im August 2021 bekam er einen Anruf von einer Frau, die mit ihrem Hund jeden Tag am Dorf vorbei geht. Sie erzählte ihm, dass der Fürst das Anwesen verkaufen wolle. Skrodzki schrieb das Haus Waldburg-Zeil an und bekam am Ende den Zuschlag für Bärenweiler.
Denn Skrodzki hatte sich mit früheren Projekten einen Namen in der Szene gemacht. Schon mit 27 Jahren machte er sich selbstständig und gründete mit einer klassischen Werbe- und Eventagentur namens „inallermunde“ seine erste Firma. Im Lauf der Jahre kamen immer mehr Unternehmen dazu. Zeitweise hatte er mehr als ein Dutzend und arbeitete gleichzeitig an verschiedensten Projekten. Mit mehreren Mitstreitern gründete er die Leutkircher Bürgerbahnhof eG und die Allgäuer Genussmanufaktur eG.
Der Altar der Spitalkirche von Bärenweiler
Als Vorstand vom SV Herlazhofen initierte er den Bau einer eigenen Sporthalle. Das Altstadt-Sommerfestival in Leutkirch entstammte seiner Konzeption. Dazu kamen Hilfsprojekte wie „Wangen hilft Togo“ und „Wir helfen Afrika“. Dadurch konnten weltweit mehr als 1500 hilfsbedürftige Kinder operiert werden. Das umfangreiche soziale und kulturelle Bürgerengagement wurde schließlich mit dem Medienpreis Bambi in der Kategorie „Stille Helden“ und dem „Deutschen Bürgerpreis“ ausgezeichnet.
„Zig Vereinsposten und zig Unternehmen. Das kann nicht gut gehen, sagten sich viele Menschen in meinem Umfeld seit Jahrzehnten. Sie sollten Recht behalten“, räumt Skrodzki im Rückblick ein. Denn 2012 verzockte er sich beim Versuch, nach Leutkirch ein weiteres Bahnhofsprojekt aufzuziehen. Er stieg bei Auktionen der Deutschen Bahn (DB) bei gleich 28 Bahnhöfen in den neuen Bundesländern mit dem Mindestgebot ein. Aber niemand anderes bot mit, so dass der Oberschwabe alle 28 Bahnhöfe kaufen musste. Die Einstandspreise lagen zwischen 1000 Euro und 25.000 Euro. Damit nicht genug. Bei einer weiteren Auktionsrunde erwarb er nochmal 12 Bahnhöfe. Skrodzki hatte sich übernommen, und war heilfroh, dass er 40 Käufer fand, an die er die Bahnhöfe schließlich wieder abgeben konnte.
Auch als er 2021 das Dörfchen Bärenweiler kaufte, hatte ihn zeitweise das Glück verlassen. „Dank einer überbordenden Bürokratie und einer dem Gemeinwohl verpflichteten Bank, die mich sträflich hängen gelassen hat, war ich am Rande des Bankrotts“, gibt er offen zu. Nur dank toller Handwerksbetriebe, die ihm die offenen Rechnungen gestundet hatten, dank seiner regionalen Hausbank, die ihm über seine gravierenden Liquiditätsengpässe hinweggeholfen hatte, dank eines großartigen Mitarbeiterteams „und dank ein paar wertvoller Freundschaften habe ich diese existenzgefährdende Krise überstanden“, weiß Skrodzki.
Große Pläne für Bärenweiler
Anfang der 2030er Jahre will er nun mit der Sanierung und Umgestaltung des Projekts fertig sein. Am Ende soll dort ein bunter Mix an Nutzungen entstehen – ein Pilgerhotel, ein Dorfcafé, Wohngemeinschaften für Senioren, ein Event- und Hochzeitsstadel, ein Kindergarten, Tiny Houses, Ferienwohnungen, Kunsthandwerk-Manufakturen, eine Schau-Brauerei, ein Dorfgasthof und eine Hochzeitskirche. Er schätzt, dass er bis zu 20 Millionen Euro investieren muss, um all seine Ideen mit dem Ort umsetzen zu können.
Schon jetzt herrscht wieder Leben im Dorf. Denn die Pflege alter und bedürftiger Menschen hat in Bärenweiler seit Jahrhunderten Tradition. Deshalb beherbergt eines der ehemaligen Spitalgebäude im Herzen der Heimat Bärenweiler seit Juli 2023 zwei selbstverwaltete Seniorenwohngemeinschaften. Und seit Oktober 2023 begrüßt Leonie im Café Heimat ihre Gäste. Ihre selbst gemachten Kuchen sind der Renner bei Wanderern und Radtouristen. Zudem beziehen dieses Jahr erstmals Künstler aus dem Südwesten wie Jasmin Roggenkamp und Isa Weber das Sommerhaus.
Die selbstgebackenen Kuchen im Café Heimat sind legendär
Ein Skrodzki jedenfalls gibt so schnell nicht auf. „Ich stehe zu den Siegen und Niederlagen des Lebens, das hat mich mein Vater gelehrt“, sagt er. Und über allem steht sein Leitmotiv: „Ich will Spuren hinterlassen, keine Euro!“ Daraus zieht er Kraft und Motivation für sein schier unerschöpfliches Schaffen.