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Alpkäse, Schwingen und mittelalterliche Gassen

Die untere Altstadt von Fribourg mit Bernbrücke über dem Fluss Saane
Ein verlängertes Wochenende in den Freiburger Voralpen
Von Gerd Krauskopf
Als die Sonne hinter den Gipfeln der Freiburger Voralpen verschwindet, beginnt oberhalb von Charmey die eigentliche Vorstellung. Der Himmel färbt sich erst goldrot, dann tiefblau. Wenig später funkeln unzählige Sterne über den dunklen Silhouetten der Berge. Gespräche verstummen, Blicke richten sich nach oben. Es sind jene seltenen Momente, die eine Reise unvergesslich machen.
Die Gastlosen, eine Bergkette in den Freiburger Voralpen
Die Freiburger Voralpen im Westen der Schweiz sind eine Region, in der Traditionen bis heute den Alltag bestimmen. Auf den Almen entstehen Käsespezialitäten von Weltruf, während grüne Weiden, Bergwälder und markante Gipfel die Landschaft formen. Zugleich treffen hier die deutsch- und französischsprachige Schweiz aufeinander – eine kulturelle Vielfalt, die den Charakter der Region prägt.
Wer diese Ursprünglichkeit hautnah erleben will, folgt dem Weg zur hoch gelegenen Alpkäserei Hauta-Chia oberhalb von Charmey – gefühlt am Ende der Welt. In seiner Käserei steht Käser Laurent Gachet (46) in Lederschürze vor einem mächtigen Kupferkessel, unter dem ein Holzfeuer die frische Almmilch auf 56 Grad erhitzt. „Die Lederschürze“, gibt er lachend zu, „schützt mich zumindest ein wenig vor der enormen Hitze.“
Traditionelles Handwerk: Käser Laurent Gachet bereitet das Käsen auf der Alp Hauta-Chia vor
Gestern sei er bereits um neun Uhr ins Bett gegangen, erzählt er. Wie jeden Tag klingelte auch heute um vier Uhr morgens der Wecker. Dann werden die Kühe gemolken und alles für die Käseproduktion vorbereitet. So entsteht später jener Gruyère d’Alpage AOP, der weit über die Grenzen der Schweiz hinaus geschätzt wird. „Jeder Laib erzählt die Geschichte unserer Berge“, sagt Gachet. „Wer unseren Käse probiert, schmeckt die Alpen.“
Der Käser ist jedoch nicht nur Hüter einer jahrhundertealten Handwerkskunst. Früher stand Laurent Gachet selbst als Schwinger im Sägemehl – einer traditionellen Schweizer Sportart. Kein ungewöhnlicher Lebensweg in den Freiburger Voralpen, wo Landwirtschaft und Brauchtum bis heute eng miteinander verbunden sind.
Gute 4000 Zuschauer verfolgen das Schwing- und Älplerfest am Schwarzsee
Wie lebendig diese Traditionen geblieben sind, zeigt das jährlich stattfindende Schwing- und Älplerfest am Schwarzsee. Vor der Kulisse des tiefgrünen Bergsees versammeln sich mehr als 4000 Besucher aus der ganzen Schweiz. Jodelgesang hallt über das Festgelände, Grillduft liegt in der Luft, und im Sägemehlring messen sich Schwinger bereits seit 1937 miteinander. Neben dem Schwingsport gehört das traditionelle Steinstossen mit zu den Hauptattraktionen des Events.
Steinstoßer Yvan Chapuis aus der Nähe von Lausanne (54) möchte den Sport populärer machen
Schwingen gilt als Schweizer Nationalsport. Die Athleten tragen die typischen Jutehosen und versuchen mit Technik und Kraft, ihren Gegner auf den Rücken zu legen. „Schwingen bedeutet Heimat“, sagt Nachwuchstalent und Bergbauer Hugo Schläfli. „Mein Motto lautet: Ein Schwinger tut schaffe, trainiere und kämpfe.“
Die Leidenschaft für den Traditionssport liegt ihm gewissermaßen im Blut. Sein Großvater wurde siebenmal Schwingerkönig, sein Vater fünfmal. Hugo selbst durfte sich bereits zwölfmal den begehrten Kranz aufsetzen lassen. Beeindruckend ist dabei weniger die Härte der Duelle als die Fairness, mit der sie geführt werden. Nach jedem Gang reichen sich die Kontrahenten die Hand und klopfen sich gegenseitig das Sägemehl von den Schultern.
Duell: Kraft und Technik beim Anschwingen im Sägemehlring
An diesem Tag steigt die Spannung von Gang zu Gang. Für Hugo Schläfli endet das Schwing- und Älplerfest mit einem besonderen Erfolg: Er belegt den vierten Rang bei rund 90 starken Konkurrenten und gewinnt damit einen der begehrten Kränze. Als ihm die Ehrendamen den traditionellen Kranz aufsetzen, spendieren die Zuschauer langen Applaus – ein Zeichen dafür, welchen Stellenwert der Schwingsport in den Freiburger Voralpen bis heute besitzt.
Zum Abschluss wartet mit Fribourg die historische Hauptstadt des Kantons. Die Altstadt zählt zu den schönsten der Schweiz. Enge Gassen führen zwischen mittelalterlichen Sandsteinfassaden hindurch, kleine Cafés beleben versteckte Plätze, im Georgsbrunnen vor dem Rathaus kühlen sich bei der sommerlichen Hitze junge Leute ihre Füße und über den Dächern erhebt sich die Kathedrale St. Nikolaus. Stadtführer Diego Chocomeli erzählt die Geschichte der Kathedrale, deren Turm schon während der Bauzeit leicht in Schieflage geraten sein soll. Deshalb verzichteten die Baumeister auf eine hohe Spitze und schufen stattdessen eine Aussichtsplattform.
Die obere Altstadt von Fribourg mit der Kathedrale St. Nikolaus im Hintergrund
Auch vom Fuße der Kathedrale lässt sich die besondere Lage Freiburgs erahnen: Die Saane zieht sich durch die Unterstadt, alte Brücken verbinden die historischen Quartiere, und am Horizont ragen die Freiburger Voralpen auf. Kaum eine andere Schweizer Stadt verbindet mittelalterliche Architektur und alpine Landschaft so eindrucksvoll miteinander.
Von der Kathedrale aus geht es zu Fuß weiter. Unzählige Treppenstufen schlängeln sich von der Oberstadt steil hinunter in die historische Unterstadt. Unten angekommen, atmet man Geschichte. Der Weg führt direkt zur Bernbrücke (Pont de Berne), der letzten gedeckten Holzbrücke der Stadt aus dem 13. Jahrhundert.
Für den Rückweg in die Oberstadt wartet jedoch kein schweißtreibender Anstieg, sondern ein technisches Kulturgut: das berühmte «Funi». Die nostalgische Standseilbahn aus dem Jahr 1899 ist die letzte ihrer Art in der Schweiz, die ohne Strom betrieben wird. Mithilfe von Wasserballast gleitet eine Kabine talwärts und zieht die andere bergauf – ein ebenso charmantes wie nachhaltiges Stück Freiburger Geschichte.
Die nostalgische Standseilbahn Funi
Als am Abend erneut die Sonne hinter den Hügeln versinkt, schließt sich der Kreis dieser Reise. Erinnerungen an sternenklare Nächte, würzigen Alpkäse, spannende Schwingkämpfe und die mittelalterlichen Gassen von Fribourg begleiten die Heimreise. Der besondere Reiz der Freiburger Voralpen liegt dabei nicht in spektakulären Attraktionen. Es ist die Authentizität einer Region, in der Traditionen nicht für Besucher inszeniert werden, sondern selbstverständlich zum Alltag gehören.
Weitere Informationen:
Am 20. Juni 2027 findet in Schwarzsee das nächste Schwing- und Älplerfest statt.
Fribourg Tourisme et Région, Place Jean-Tinguely 1, CP448, 1701 Fribourg, Tel. +41 (0)26 350 11 11, www.fribourg.ch
Schweiz Tourismus, Mendelsohnstraße 87, 60325 Frankfurt, Tel.0800 1002 0030, www.myswitzerland.com/de-ch/
# Der Autor recherchierte mit Unterstützung von Schweiz Tourismus