Menschen, Reisen, Abenteuer Headgrafik

Dolomiten, Seiser Alm

Hexen, Feen und Zauber auf der Tierser Alpl 

Italien, Südtirol, Dolomiten, Weiser Alm 

„Mein größtes Glück ist es, dass es weiter geht", freut sich Hüttenwirt Max Aichner.

Das die Tierser Alpl einmal zur beliebtesten Hütten der Seiser Alm wird, das hätte Erbauer Max Aichner nicht einmal zu träumen gewagt.

Die beeindruckende Alpenhütte liegt im Herzen der verwunschenen Heimat der Hexen, Feen und Zauber, umgeben von den steinigen Bergwipfeln der Dolomiten. Mitten in einer Landschaft, deren Felsen steil wie bizarre Zähne in den Himmel ragen.

Seiser Alm

So als wären es die letzen bissigen Wächter über die Täler Südtirols. Eine spektakuläre Bergwelt, in die abenteuerliche Wege von der Seiser Alm, vorbei an Schlern, Lang- und Plattkofel und dem Rosengarten führen.

Schon von weitem leuchtet es, das rote Dreieck auf der blauen Schürze von Max Aichner. Mit Stolz trägt der gebürtige Südtiroler sein Logo mit der Aufschrift: „Tierser Alplhütte 2440 m“ auf der Brust. Es ist das Signet der Hütte mit dem zum Markenzeichen gewordenen roten Dach. „Mein Hemd kommt aus China, aber die Schürze, die hat ein Völser gestickt“ erklärt der drahtige Naturbursche. Auch als Nicht-Marketingexperte scheint der Sticker geahnt zu haben, was einmal wichtig werden würde und worauf es ankommen sollte. Längst ist das rote Dach mit den nicht minder markanten Bergen im Hintergrund, weit über die Grenzen Südtirols hinaus berühmt und nicht umsonst gut zu erkennen, selbst als Stickerei auf einer Schürze.

Max AichnerDas Gesicht von Max Aichner ist sonnen gegerbt, von tiefen Falten durchzogen in denen man lesen kann. 80 Jahre, nahezu immer in der Höhe, das hinterlässt Spuren. Züge die gleichzeitig verraten: Dieser Mann hat gelebt und viel erlebt. Aus seinen Augen, die aufmerksam und kein bisschen müde wirken, blickt Zufriedenheit, ein wenig Stolz und hohes Interesse. Bevor er sich hinsetzt, um sich bei bester Aussicht ein Bier zu gönnen, begrüßt er im Vorbeigehen ein paar Gäste, fragt woher sie kommen, wie die Wanderung war, wohin es sie zieht. Hier oben auf weit über 2400 Meter ist das der Gesprächsstoff.

Dabei hat Max Aichner mehr zu erzählen, viel mehr. Er, der einst unbeirrbare Sturkopf, der beharrlich seine Ziele und Visionen verfolgte, sich nicht daran hindern ließ, hier oben fernab jeder Zivilisation in unzugänglichem Gelände eine Schutzhütte zu bauen. Und das ohne Geld, ohne fremde Hilfe. Sein damals einziges Kapital  - eine unbezahlbar schöne Natur mit schwindelerregenden Aussichten und einzigartigen Bergformationen. Das war es was ihn damals antrieb, dazu die Arbeits- und Perspektivlosigkeit nach dem 2. Weltkrieg. Die meisten wollten nur weg, dachten lediglich an Flucht und auswandern.

Nicht der 20 jährige Bergführer aus Tiers, der wollte etwas in seiner Heimat bewirken. Zu sehr liebte er „seine“ Gipfel, zu wenig konnte er sich ein Leben ohne sie vorstellen. Zusammen mit seinem Bruder wollte er ein Schutzhaus in Rosengarten Latemar bauen, doch die paradiesisch schöne Stelle hatten bereits andere vor ihnen entdeckt. Einen anderen überzeugenden Standort fand Max in seiner allernächsten Heimat. Der Tierser Sattel, ein spektakulärer Einschnitt weit oben, direkt unter den Rosszähnen, da wo er gerne hinaufstieg. Mit seinem letzten Geld erwarb er von der Gemeinde das etwa 200 Quadratmeter große Grundstück, ein steiniges hochalpines und unzugängliches Gelände. In diese einzigartige Bergwelt, so hoffte der Idealist, wird es irgendwann einmal ein paar Bergsteiger ziehen und im besten Falle vielleicht sogar ein richtiger Tourismus entstehen. Für die Gemeinde ein unvorstellbarer Plan, den Beamten war klar, der Phantast wird schnellsten versuchen das Grundstück wieder zurück zu geben.

Max ist von seiner Idee überzeugt, ein Kämpfer und „Schufter“ wie er sich selbst nennt. Er nippt kurz am Bier und fügt mit leichtem Grinsen hinzu: „Mich wundert es, dass ich das damals überlebt habe“. Was er damit meint wird deutlich, wenn er in Erinnerungen kramt und erzählt. 1957 beginnt er, indem er die Infrastruktur für seine Idee schafft, eine eigene Schutzhütte.

Tierser Alpl

Bescheiden. Einsam. Aber mit einer Aussicht, um die ihn alle alsbald beneiden sollen. Eigenhändig legt er einen Weg an, buddelt sich vorwärts, Stein für Stein durch die einsame Felswüste. Erst der Zugang ermöglicht ihm einen Materialtransport nach oben. Als nächstes schleppt er Holz für eine kleine bescheidene Unterkunft hoch. „Es gab hier nichts, nur Steine und Felsen. Holz war das einzige was wir hatten, darin hab ich geschlafen, damit hab ich gekocht“ erzählt der Unbeirrbare. Viele besaßen damals einen Muli für Transporte, Max hatte nur seine eigene Kraft und einen starken Willen. Das musste reichen, um zentnerschwere Zementsäcke vom Tal auf 2440 Meter zu befördern. Sack für Sack – um daraus Stein für Stein zu formen - die Grundlage für ein bescheidenes einsames Haus hoch oben am Berg. Ein Vorhaben, das nur mit Glück funktionierte, nämlich nur dann wenn es gut lief und Natur und Wetter nicht gegen ihn arbeiten. Oft muss Max zusehen, wie ein Gewitter sein komplettes Tagewerk vernichtet, wie der Regen seine frisch gegossenen Steine dahin fließen lässt. Doch Max wäre nicht der ihm nachgesagte Sturkopf, wenn er nicht am nächsten Tag gleich wieder von vorn mit der Arbeit beginnen würde. Für die Menschen im Tal ist er längst der Verrückte mit seiner unlösbaren Lebensaufgabe. Wertungen, die den Eigenbrödler nur noch weiter anspornen. Ob er damals schon eine Frau hatte, frage ich den einstigen Bergführer. Max grinst und nach einer Weile kommt, die eindeutig zweideutige Auskunft: „Das haben mich schon viele gefragt. Zeit hatte ich ja eigentlich nie.“

Max Aichner

1963 ist es dann endlich soweit, Max und seine Frau Laura weihen das kleine Schutzhaus Tierser Alpl mit dem roten Rostschutzdach nach 6 -jähriger Bauzeit ein. Zum Eröffnungsfest lädt der Hüttenbauer ein, seine Freunde, den italienischen und den Südtiroler Alpenverein. Die Südtiroler schicken ihm eine freundliche Absage, den Italienern ist es nicht einmal das Papier wert. Wieder einmal motiviert und bestärkt die Abwesenheit der Alpenvereine den Idealisten und er sollte recht behalten. Die ersten Bergsteiger verirren sich in die Gegend. Mit der Zeit werden es sogar immer mehr. Die Einheimischen haben plötzlich die Berge entdeckt und mit der Quallenplage an der Adria kommen schließlich auch die Süditaliener und jüngere Wanderer. Leider kann Max seinen Erfolg nicht lange genießen. Ein gesundheitlicher Schlag macht selbst den bescheidensten Wohlstand wertlos. Der Schaffer verliert eine Niere und gelobt noch im Krankenhaus ein Bildstöckerl zu bauen, sollte er jemals wieder hoch dürfen auf seinen Berg, in seine Hütte. Der Pakt funktioniert, Max wird wieder gesund. Den Bau des Bildstöckerl verschiebt der Gläubige dann erst einmal, es gilt noch andere, wichtigere Pläne zu verwirklichen. Sein Traum ist ein eigener Klettersteig. Mit dem „Maximilian"-Seiser AlmKlettersteig schafft er eine eindrucksvolle Route von der Hütte zum 2.653 m hohen Gipfel des großen Roßzahn und zur Roterdscharte auf 2.556 Meter, begleitet von schönsten Ausblicken auf die Seiser Alm. Eine Idee die sich als gute und werbeträchtige Investition auszahlt. Mit der Eröffnung 1969, kommen auch die Deutschen -  die Tierser Alpl wird immer bekannter. Der Hüttenbesitzer muss schließlich sein Domizil vergrößern, es stetig weiter aus bauen. So lange bis das rote Dach einem brauen weichen muss. Das führt zu großem Protest bei den Gästen und zwingt den Handwerker das Dach wieder so knallrot anstreichen wie einst.

Max expandiert weiter, sein Versprechen muss wieder einmal warten. Vergessen hat er das Gelöbnis nie, es fehlt ihm stets die Zeit. 1983 ist es dann doch soweit. Aus dem Bildstöckerl wird dafür jetzt eine ausgewachsene Kapelle, die der gläubige Katholik feierlich einweiht. Diesmal kommen alle zum Fest, der halbe Ort und zahlreiche internationale Gäste. 1986 wird der, seiner Frau Laura gewidmete „Laurenzi" Klettersteig fertig. Ein abenteuerlicher Steig der zur 2.845 Meter hohen Gipfelkuppe des mittleren Molignon führt.

Max Aichner vor seiner Tierser Alpl

Längst ist die Hütte keine Hütte mehr, sondern ein ansehnliches Haus - mehr als doppelt so groß wie einst. Mitgewachsen ist stets das rote Dach, das die Hütte von weitem ankündigt. Unverändert leuchtet es hinaus in die Landschaft, suggeriert dem Wanderer: Gleich habt ihr es geschafft. Das Bier ist alle, zufrieden schaut Max seinen beiden Enkel zu, wie sie die Gäste bedienen. Max Aichner inmitten seiner Familie

In den Ferien unterstützen sie ihre Eltern. Max´ Tochter Judith und ihr Mann Stefan führen als Hüttenwirte sein Werk fort. „Die Leute haben heute viel zu viel Freizeit, arbeiten alle nichts mehr. Eine 35 Stunden Woche, da schäme ich mich für“: Der Unverbesserliche lacht laut und wischt dabei die Hände an der Schürze ab: „Das hatte ich noch nie, eher einen 35 Stunden Tag!“

Im Grunde seines Herzen ist er aber glücklich darüber, dass die Menschen heute so viel mehr Freizeit haben. Freie Zeit und Urlaub sind schließlich die Grundlage für Ausflüge in die Berge und dafür, dass es hoch oben bei ihm weiter geht, am Sattel der Tierser Alp.

Monika Birk

 

Info:

Das Schutzhaus Tierser Alpl liegt am gleichnamigen Sattel, einem Punkt an dem sich viele Wege kreuzen: Der Zugang vom Schlern zum Lang- und Plattkofel und die Verbindung von der Seiser Alm zum Rosengarten führen über die Tierser Alpl. 

Die Hütte ist von Anfang Juni bis Mitte Oktober geöffnet. Sie gehört zu den ersten, die im Frühjahr auf- und zu den letzten die im Herbst zuschließen. Insgesamt gibt es 20 Betten und 36 Lager. Ein Bett kostet im Zimmer mit Frühstück 32 €, mit HP 50,50 €. Im Lager 22 € bzw. 40,50 €.

Die Speisekarte verspricht gute Tiroler Küche mit mediterranem Einschlag und einen edlen Tropfen. Die Zutaten, kommen wenn immer möglich aus der Umgebung. Speck vom Bauerhof, Gewürze und Kräuter aus dem hauseigenen Garten in Kastelruth. Auf Fertiggerichte wird ganz verzichtet.

www.tierseralpl.com/

Seiser Alm

 

Powered by: AOS - Design in Eislingen - Homepages vom Fachmann
Menschen, Reisen, Abenteuer