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Karelien

 Langlaufen in der Einsamkeit Kareliens

Danach schwitzen in der Sauna

Karelien 

Die Alpen kennt jeder. Doch warum nicht einmal in den Hohen Norden reisen? Karelien steht für ausgedehnte Wälder, Stille und Winterzauber. Wer mit den Langlaufskiern durch das Land zieht, findet seinen Seelenfrieden. Und das Beste: Allabendlich schwitzt man in der Sauna. Herz was willst Du mehr?

 

Von Thorsten Brönner

 

Ein Langläufer nach dem anderen gleitet die Loipe hinunter, folgt der Linkskurve und verschwindet zwischen den Birken. Ich bleibe zurück, stehe mit wackeligen Beinen auf den geliehenen Brettern. Der Blick fixiert die vereiste Spur. Unsicher umkrallen die Hände die Stöcke, stoßen sich ab. Die Ski nehmen Tempo auf, der Fahrtwind weht um die Ohren. Ich erreiche die Kurve. Schnee wirbelt hoch. Wutsch. Platsch. Ich bin gestürzt.

 

Minna Murtonen, die Reiseleiterin, hat unten gewartet. Als ich mir die Schneekristalle aus dem Gesicht wische erklärt die schlanke Finnin auf Deutsch: »Du musst in die Knie gehen, das Gewicht verlagern.« Es folgt ein Flachstück. Luft holen. Also vorwärts. Minna weist mich hier auf die Stockführung hin, dort korrigiert sie meine Haltung. »Länger gleiten«. Bei ihr sieht alles einfach aus: das Klettern, Bremsen, das Fahrtaufnehmen.

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Wir sind fünf Frauen und vier Männer aus Deutschland. Für einige ist es die erste Langlaufreise. Eine Woche sind wir in den finnischen Wäldern Nordkareliens unterwegs. Es ist ein abgelegener Flecken Erde, sanft hügelig und dünn besiedelt. So dünn besiedelt, dass Elche, Bären und Wölfe ungestört durch das Unterholz streifen.

 

Mit rund 21.500 Quadratkilometern umfasst Nordkarelien in etwa die Fläche von Hessen. Zwischen den weitläufigen Seen im Westen und dem russischen Teil Kareliens im Osten leben 165.000 Menschen, das sind 7.7 Einwohner pro Quadratkilometer. Das Grenzland verspricht Leere und Freiheit – aus diesem Grund sind wir hier.

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Unser Team spielt sich langsam ein. Minna fährt hinten, Paula ihre Praktikantin schreitet voran. Ich lerne gut, die Ski laufen immer besser. Rechtes Bein, Stock, linkes Bein nachziehen, Stock. Nach sechs Kilometern trifft die Hausloipe wieder auf die Herberge Puukarin Pysäkki.

 

Anni Korhonen ist die gute Seele in dem braun-weiß angestrichenen Haus. Sie hat Kaffee, Tee und Gebäck für uns bereitgestellt; Stärkung für die zweite Skirunde am Mittag. Anschließend legen wir die Füße hoch, stürmen die Sauna. Erst dürfen die Mädels schwitzen, danach die Jungs.

 

Während wir mit einem Bier in der Hand auftauen, schluckt die Dämmerung hinter der Fensterscheibe den Wald. Nebenan tischt Anni in der Stube lokale Spezialitäten auf: Karelischer Fleischtopf, Piroggen, Salzkartoffeln und Ofengemüse. Dazu gibt es im Kerzenschein selbstgebackenes Brot, Salat und rote Beete mit marinierten Trompetenpfifferlingen.

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Am zweiten Tag kommt mir das Profil der Etappe entgegen: 24 Kilometer und nur wenige, sanfte Abfahrten. Ziel ist das Gasthaus Laitalan Lomat, in dem uns am Nachmittag das Gepäck erwartet. Die Sonnenstrahlen fallen schräg durch die Kronen der Bäume. Wir gleiten mit frisch gewachsten Skiern über die präparierte Loipe, queren den zugefrorenen See Polvijärvi.

 

Minna macht uns unterwegs auf Otter- und Elchspuren im Schnee aufmerksam. Nichts entgeht ihren geschulten Blicken. Ich koste ihr »heute fährst Du besser« aus. Ja, es läuft. Die Beine stehen fest in der Spur und bewegen sich von selbst vorwärts. Während ich auf den Rhythmus achte, steuert Minna mit einem Stock in der Hand. Mit der anderen umgreift sie ihr Mobiltelefon, plant dabei lautstark die nächste Tour vor.

 

Gegen 14 Uhr spurtet sie voraus. Als wir zu Minna aufschließen, hat sie in einer Holzhütte KarelienFeuer entfacht, auf dem Rost darüber Würstchen ausgelegt. Lunchpakete werden ausgepackt, Tee eingeschenkt, verschwitzte Kleidung getrocknet. Acht Kilometer entfernt haben wir das Gehöft Lomat erreicht. Es besteht aus einem geschmackvoll eingerichteten Haupthaus mit Sauna. Ringsum ragen Wohnhütten aus der Winterlandschaft.

 

Im Osten schließt der Fluss Valtimojoki das Terrain ab. Davor recken sieben Rentiere ihre Köpfe in die Höhe. Die handzahmen Tiere mit Namen wie Lumo, Taiga oder Kalle gehören dem Karelienjungen Ehepaar Anja und Matti Nevalainen, die ihren Gästen den Aufenthalt versüßen. Wir bleiben zwei Nächte.

 

In den kommenden Tagen bewegen wir uns in Etappen zwischen 16 und 25 Kilometern vorwärts. Unter dem eisblauen Himmel Kareliens wächst die Reisegruppe immer mehr zusammen. Längst ist der Ablauf vertraut: das gemeinsame Frühstück, das Gleiten durch die Natur, die Gespräche über Finnland am Abend.

 

Besonders heimelig ist das dritte Gasthaus Pihlajapuu. Das ehemalige Schulgebäude dient uns als Basis für Ausflüge ins Umland. So besuchen wir die Stadt Nurmes mit dem eindrucksvollen KarelienBomba-Haus, einem Blockhaus nach alter karelischer Bauart. Am finalen Teilstück führt uns Minna auf den Aussichtsberg Nälkömäki.

 

Gemächlich steigt die Spur an. Nach einer halben Stunde wird das Gelände steil. Noch 600 Meter. Die schlanken Birken weichen zurück. 100 Meter, 50 Meter - geschafft! Der Blick schweift weit über eingeschneite Seen und zart grüne Nadelwälder. Keine Straße ist zu sehen, nur wenige Häuser.

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Auf der Abfahrt schleichen sich die Gedanken des Abschieds ins Gemüt. Morgen geht es zurück, zurück in den Alltag.

 

Weitere Informationen:

 

VERANSTALTER

Der finnische Veranstalter Äksyt Ämmät Oy bietet die »Skiwanderung von Gasthaus zu Gasthaus« jedes Jahr im Februar und März an. Man übernachtet in vier Herbergen mit Sauna. Das Gepäck wird transportiert. Am Startpunkt erhalten die Gäste Leihlanglaufski. Minna führt die Gruppe als Reiseleiterin auf Deutsch. Im Sommer kann man eine Fahrrad- und Paddelreise buchen. Äksyt Ämmät Oy, www.aksytammat.fi

Karelia Expert Tourist Servicewww.visitkarelia.fi

Visit Finlandwww.visitfinland.com 

 

 

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