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Mecklenburg-Vorpommern

Küstentrip zu Künstlern und Köchen

Von süßen Verführungen, der Ostsee-Biennale und Wikinger Gold

Rainer Sperl: Die Freundin des Volkspolizisten

 Was haben Galeristen und Gastronomen gemeinsam? Sie wecken die Lust nach mehr.

Wir waren an der pommerschen Ostseeküste unterwegs, haben Künstler in Werkstätten und Museen besucht und Köchen in die Töpfe geguckt. Folgen Sie uns auf eine etwas andere Reise durch die vier Hansestädte Wismar, Rostock, Stralsund und Greifswald.

Katharina Glücklich Katharina Glücklich freut sich, dass sie das Glück teilen kann. Im „Cafe  Glücklich“ in der Wismarer Altstadt beglückt sie ihre Gäste mit süßen Leckereien, üppigem Frühstück oder kleinen Snacks. „Glück ist hausgemacht“ heißt die Devise der gelernten Damenschneiderin, die in der Gastronomie eine neue Chance entdeckte. Nach längerem Suchen fand sie eine geeignete Immobile für ihre Geschäftsidee und machte sich an den Umbau. Holzvertäfelte Wände und ein mannshoher Kachelofen schmücken seitdem die wohnzimmergroße Kaffeestube mit Kuchenbuffet. Nichts mehr erinnert an das ehemalige triste Sonnenstudio. Wer draußen sitzen möchte,  verschnauft unter Blumenbüschen. Mit fantasievollen Torten-Kreationen wie „Vanillekuss“, „Himbeerglück“ oder „Ostseeliebe“ erfüllte sich die junge Frau ihren Traum von der Selbstständigkeit. Fünf fleißige Helferinnen unterstützen sie in Küche und Service. Ab und an schaut Li Hagman herein, die finnische Austauschpolizistin Leena Virtanen aus der Fernsehserie „Soko Wismar“. Li,  stets von Terrier „Minou“ begleitet, ist verliebt in Katharinas Zuckerschnecken.

Die Grube: Wasserlieferant des Mittelalters.Ein paar Schritte weiter auf dem Kopfsteinpflaster der Schweinsbrücke erreicht man die Grube, ein künstlicher Wasserlauf, der im Mittelalter Trink- und Brauwasser lieferte und die Mühlräder antrieb. Nach Bildern und Zeichnungen der verschwundenen Idylle läßt sich in der nahegelegenen Galerie Kristine Hamann stöbern, die zeitgenössische Kunst zu erschwinglichen Preisen  anbietet. Vorher war dort eine Schleckerfiliale. Mit dem Abbau der Regale und Theken entstanden weite lichtdurchflutete Räume, in denen junge Maler, Fotografen und Grafiker aus der Ostseeregion debütieren.

Mit monatlich wechselnden  Ausstellungen belebt die 1990 gegründete „Gemeinschaft Wismarer Künstler und Kunstfreunde“ die Szene. Ihre „Galerie hinter dem  Rathaus“, ein von der Stadt aufwendig restauriertes Bürgerhaus, ist eine Oase der Ruhe inmitten der quirligen Fußgängerzone des historischen Viertels. Vom 80 Meter hohen Turm der Marienkirche überragt, ist Wismar seit 2002  als mittelalterliches Flächendankmal  mit Stralsund Weltkulturerbe der Unesco.

Marienkirchturm:  Wahrzeichen von  Wismar.Farben schmeicheln auch verwöhntem Gaumen. Christopher Schiwek  („blaue boje“, Warnemünde-Markgrafenheide), lässt sich bei der Menüfolge von den Malern inspirieren. Blaubeersekt, cremige  Fischsuppe mit Eismeergarnelen, gebratener Blaubeer-Thymian Dorsch  auf Weißwein-Risotto und eingelegtem Granny-Smith-Apfel bereichern die Abendkarte bei unserem Besuch auf der Strandterrasse. Den Abschluss krönt Buttermilchtarte. Da ist der rote Sonnenball schon am Horizont  versunken. Mit einem trockenen Trollinger-Lemberger  2012 stoßen wir auf die Küche an.

Rostocker Kunsthalle.Für die Ostsee-Biennale war 1969 die Rostocker Kunsthalle errichtet worden, das erste und einzige Haus für zeitgenössische Kunst der DDR und mit 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zugleich das größte Mecklenburg-Vorpommerns. Das Regime gab sich weltoffen, lud vorrangig  skandinavische und baltische Künstler ein. Zweigeschossig, die obere Fassade mit weißem Kunststein verkleidet, ziert der im Stil der sechziger Jahre errichtete Flachbau die Parkanlage am Schwanenteich. 1990 fand dort die letzte Biennale statt. Die Rostocker Bürgerschaft strich den Etat. Der „Verein pro Kunsthalle“, eine Privatinitiative, rettete 2009 die Einrichtung vor dem Aus. Seitdem geht es bergauf, sorgt nicht nur Prominenz wie Baselitz, Richter, Uecker, Niemeyer-Holstein, A. R. Penck oder Christo für volle Säle. Auch Newcomer finden ihr Publikum.

Atlantis: Kunstobjekt zum Klimawandel.

Direktor Dr. Uwe Neumann hat noch viele Pläne. Weitgehend ungehoben für spannende Expositionen ist der Schatz aus 520 Gemälden, 6000 Grafiken und 300 Skulpturen.  Auch die Biennale könnte  wieder belebt werden.  Zur „Hanse Sail 2014“  präsentierten acht finnische Künstler ihre Gedanken zum Klimawandel mit Unwettern und Flutkatastrophen. Tea Makkipää  schockierte  mit „Atlantis“ – ein Haus, das langsam im steigenden Wasser versinkt. Noch ragen Tür, Wände und Dach heraus, verdrängen das Bild vom nahenden Untergang.  „Alle wissen, dass sich die Lage weltweit zuspitzt, aber es passiert nicht viel, um den Prozess zu stoppen“, kommentierte die Aktionskünstlerin ihre Installation im Schwanenteich. Sie ist inzwischen  abgebaut,  zerbrach bei der Demontage.

Zu den ältesten Bauwerken Rostocks zählt das Kloster „Zum heiligen Kreuz“. 1270 wurde es gegründet,  1360 entstand die Kirche, heute Kulturhistorisches Museum. In ihrem Schatten ducken sich schmucke  kleine Häuschen. Bis 1920 gehörten sie zum evangelischen Damenstift. Später zogen Gastronomen, Kunsthandwerker und Maler ein. Seit über 20 Jahren zeigen  Christiana und Jochen Lambertz in der „Galerie  Klosterformat“ angewandte und bildende Kunst. Keramik aus eigener Werkstatt, Schmuck,  Grafik und Drucke füllen den Miniladen im Parterre. Treppauf warten wechselnde Ausstellungen sowie Terrakottaplastiken von Rainer Sperl (Potsdam), der deutsch-deutsche Befindlichkeiten karikiert.

Wiederauferstanden aus Ruinen ist der „Scheelehof“, ein denkmalsgeschützter Hotelkomplex  mit 94 Zimmern an der Fährstraße in Stralsund. Bis 1338 reicht die Geschichte des Anwesens zurück, in dem 1742 der Chemiker und Apotheker Carl Wilhelm Scheele, Entdecker des Sauerstoffs, geboren wurde.  Das einst erste Haus am Platz war bis zur Wende völlig heruntergewirtschaftet und wurde in  norddeutscher Backsteingotik liebevoll rekonstruiert. Wie das nahe Rathaus ziert es eine Schaufassade. Die gastronomische Skala reicht von rustikal bis exklusiv. Wir testeten sie in drei Gängen im Gourmet-Gewölbekeller. Auf Blutrot (Taube, Rotebeete, Hafer) folgten Lammfromm (Lamm, Topinambur,  Perlzwiebel) und Gestrüpp (Blumenkohl, Haselnuss, Johannisbeere). Köstlich!

Prächtige gotische Altäre und Skulpturen schmücken Kreuzgang und Schiff des „Katharinenklosters“. Bereits seit 1858 wird es als Kulturhistorisches Museum genutzt. Dokumente aus der Wikingerzeit gehören zu den Preziosen der Sammlung. Der Hiddenseer Goldschmuck,16-teilig aus Kette, Brosche und filigranen Spangenkreuzen im Gewicht von 598,20 Gramm, wurde  1872-74  als Strandgut geborgen. An der Küste von Peenemünde wurden 1905 und 1908  sieben vollständig erhaltene goldene Ringe und ein beschädigtes Stück  angeschwemmt. Auch sie werden den Wikingern zugeordnet. Eine Perle der bildenden Kunst ist der Nachlaß der Hiddensee-Malerin Elisabeth Büchsel (1867-1957).  Sie studierte in Berlin, Dresden, München und Paris. In mehr als 50 Inseljahren hielt sie Mensch und Natur in zahllosen Zeichnungen und Gemälden fest.

Museumsreif: Spielkarten  Jahrhunderte lang lieferte Stralsund Spielkarten in alle Welt. Die „Spielkartenfabrik“ am Katharinenberg hütet die Tradition. 1765 erteilte der schwedische General-Gouverneur die Konzession zum Druck.1872 fusionierten die Betriebe zur Stralsunder Spielkartenproduzenten AG. 1931 erfolgte der Umzug  ins thüringische Altenburg. Ob Skat, Romee, Canasta oder Bridge, zahllose Symbole (Farben) und Blattformate  (rechteckig, rund, oval) aus allen Ecken der Erde füllen Archiv und Musterbücher. Eine Fundgrube speziell für Jugendliche, um ihre eigenen Ideen für neue Spiele und Motive vor Ort in der Museumsdruckerei umzusetzen. Die Workshops umfassen auch Bleisatz, Buchdruck, Buchbinden, Holzschnitt und Papiergestaltung. 

„Gorch Fock“

Es muss nicht immer Kaviar sein… Wir essen diesmal hausgemachte Fish & Ships auf dem Kutter, eine große Portion, fangfrisch und kross gebraten serviert. Die „Nordstern“ liegt fest verankert am Hafenkai. Gleich gegenüber hat der ausgemusterte Windjammer „Gorch Fock“ angedockt. Als schwimmendes Museum erzählt der Großsegler von seiner bewegten Fahrenszeit. Nach dem Stapellauf 1933 Segelschulschiff der Kriegsmarine, 1944 von der Besatzung im Strelasund versenkt, 1947 von der Roten Flotte geborgen, bis Ende der Sowjet-Union Kadettenschiff „Towarischtsch“, danach unter ukrainischer Flagge. 2003 wurde der Dreimaster vom Verein „Tall Ship Friends“ gekauft und wieder seeklar gemacht. Ob er nochmals auf große Reise geht, steht in den Sternen.

Hüte und Schirme: „Kompagnie Kaabrusch“  „Große Teile des Hafens waren zur DDR-Zeit Sperrgebiet“, weiß Erik Witt. Auch der alte Koggenspeicher in der Hafenstraße lag in der verbotenen Zone. Nun belebt die Produzentengalerie „Kompagnie Kabruusch“ die Lagerhalle. Acht Künstler haben sich unter dieser Adresse zusammengeschlossen, die, aus dem Jüdischen entlehnt,  soviel wie gemeinsame Sache bedeutet. Von Mai bis Oktober handeln sie mit handgemachten  Souvenirs aus Porzellan, Glas, Seifen und Seide. Auch Witt,  begeisterter Küstenfotograf, trägt  mit seiner stattlichen Auswahl von Strandmotiven zum Erfolg der Gruppe bei. Eva-Maria Löper, gelernte Kindergärtnerin und Sprecherin des Teams, hat ihre Liebe zur Kalligraphie entdeckt,  Tochter Dörte gestaltet schmucke Lampenschirme aus Altpapier. Im Atelier daneben zaubert  Anett Simon schicke  Damenhüte für jede Gelegenheit.

Auf der kleinen Insel Dänholm im Strelasund hat Raik Vicent sein Freiluft-Atelier. Mit Kettensäge und Schleifmaschine gestaltet er Holzskulpturen  und Objekte für drinnen und draußen. Der 54-jährige arbeitet direkt am Stamm, formt meist ohne Skizze kunstvolle

Meister der Kettensäge: Direkt am Stamm Gebrauchsgegenstände wie Tische, Bänke, Sessel oder Buchregale als Ständer oder Bücherbaum, dazu jede Menge Fabelwesen, Dämonen, Götter, Heilige, Tiere, Masken, Blumen oder Phantasiegebilde als Dekoration für Heim und Garten. Vicent sprudelt nur so an  Ideen. Etwa 150 Objekte sind in seiner Kunsthalle oder im Freien zu besichtigen, darunter meterhohe Kletterbäume, Wippen, Rutschen und anderes  Spielplatzgerät sowie Skulpturen für den öffentlichen Raum. Dänholm war Jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet.  In der Kunsthalle, einst Teil der Marinewerft, wurden die ersten Kanonenboote für die kaiserliche Flotte gebaut.

Geradezu beschaulich verläuft  das Leben in der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald. Nach wie vor genießt die Fakultät der Zahnmedizin internationalen Ruf. 12.000 Studenten sorgen bei 56.000 Einwohnern für jugendliches Flair, mischen Clubs und Kneipen rund um gotische  Giebelhäuser und Rathaus am großen Markt und um den Campus auf. Von den historischen Bauwerken blieben nur wenige  erhalten. Greifswald, 1945 unversehrt und kampflos an die Sowjets übergeben, sollte als  Testfall einer neuen sozialistischen Musterstadt mit modernen Plattenbauten und  breiten Boulevards umgestaltet werden. Als die Abrisspläne gestoppt wurden, war die halbe Altstadt schon plattgemacht.  Greifswald, so ein Chronist, hatte sein Gesicht verloren. Das Stadttheater blieb verschont, bespielt heute als „Theater Vorpommern“ auch Stralsund und Puttbus mit Schauspiel, Musiktheater und Ballett. Das „Caspar-David-Friedrich-Zentrum“ glänzt mit einer großen Sammlung des aus Greifswald stammenden Malers der Romantik.

Ein Magnet für anspruchsvolles kunstinteressiertes Publikum ist die Grafikdruckwerkstatt  Hubert Schwarz. Bekannte  Namen zählen zu den Kunden, Max Bill, Karl Otto Götz, Georges Noel, Ralph Fleck oder Wolf Vostell. Schwarz betreibt auch eine Galerie und ein Hotel. Das Drei-Sterne Haus hat elf moderne Zimmer. In jedem hängt ein zeitgenössisches Originalgemälde. Der  Chef persönlich richtet das üppige Frühstücksbuffet an. Dann kommt er mit den Gästen ins Gespräch. „Manchmal verkaufe ich morgens schon ein  Bild.“ Auch Bundespräsident Joachim Gauck mit Begleitung war für eine Nacht zu Gast. Auf Oskar Manigk spezialisiert ist die „Neue Greifen Galerie“. Die Besitzerinnen, Sibylle Fatschel und Astrid Schöpf, stellten den 1934 in Mecklenburg geborenen Verfechter der abstrakten Malerei  bereits  1986 erstmals aus.

Den Schlussakkord  setzt Sternekoch Andre Münch vom Verwöhnlokal  „Le Croy“ im Pommerschen Landesmuseum. Soutierte Wachtel mit Blütenkohl und Porreeeeis, Boddenhecht im schwarzen Olivenöl mit Tomatenrisotto sowie Champagnersüppchen mit frischen Beeren und Sorbet machen den Abschied schwer. Aber wir  kommen wieder. Sie wissen ja: Galeristen und Gastronomen wecken die Lust nach mehr…

Karl-Hugo Dierichs

 

Infos:

Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Konrad-Zuse-Str. 2, 18057 Rostock, Tel.: 0381-4030628, www.auf-nach-mv.de

Übernachten: Hotel Scheelehof, Fährstraße 23-25, 18439 Stralsund, Tel.: 03831-283300,                                      www.hotel-stralsund-scheelehof.de

Hotel Galerie, Mühlenstraße 10, 17489 Greifswald, Tel.: 03834-7737830, www.hotelgalerie.de

 

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