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Brasilien, Rio de Janeiro

Rio de Janeiro

Sightseeing ein mal anders

 

Christusstatue auf dem Corcovado Berg in Rio de Janeiro

Scheiße, verdammte, es ist passiert. Man hat mich erwischt. Fassungslos starre ich in den Lauf einer Pistole, die mir vors Gesicht gehalten wird. Ein zweiter Mann streckt mir mit schwarzen, blitzenden Augen eine Tasche entgegen und schreit nach Dollar.

Alles geht blitzschnell. Während ich widerstandslos meine Kamera mit verschiedenen Objektiven in die Tasche fallen lasse, werde ich wieder nach Dollar angeschrieen. So folge ich blitzschnell seinen Anweisungen, ziehe meinen Brustbeutel unter dem T-Shirt hervor, krame einige Scheine für sie heraus und schmeiße alles in seine Tasche. Sie deuten auch noch auf meine Armbanduhr. Ich nehme sie ab und sie verschwindet ebenfalls zu meinen anderen Utensilien, die nun nicht mehr in meinem Besitz sind. Danach drehen sie sich um und sind blitzschnell verschwunden.

Da stehe ich nun alleine auf einer leeren Straße. Bin fassungslos, aber ich lebe. Schaue eine hohe Mauer hinauf und blicke in das Gesicht eines alten Mannes, der alles beobachtet hat und nur mit seinen Schultern zuckt. Deutet mir mit seinem ausgestreckten Arm hinüber zu einer Polizeistation und macht sich von dannen.

Die „Bonde“ oder „Bondinho“ von Rio de Janeiro, eine offene Straßenbahn

Dabei bin ich gerade erst auf den glänzend lackierten Holzbänken der „Bonde“ oder „Bondinho“, wie die Einwohner von Rio de Janeiro ihre 115 Jahre alte, offene Straßenbahn nennen, von der Altstadt hier hinauf ins Künstlerviertel Santa Teresa gezuckelt. Habe mich darüber amüsiert, wie die jungen Leute auf diesem historischen Erbe auf deren Trittbrett außerhalb des eigentlichen, offenen Wagons, kostenlos mitgefahren sind. Wie sie mit Schwung auf- und wieder abgesprungen sind.

Da ratterte und rumpelte die „Bonde“ von der Petrobas Building Plaza über das malerisch-imposante Carioca-Aquädukt, bevor es nach Santa Teresa hinauf ging.

Die Und inmitten malerischer Häuser mit romantischen Giebeln blieb meine Straßenbahn stehen und alle mussten aussteigen, da das alte Gefährt streikte. So habe ich mich von allen verblüfft dreinschauenden Fahrgästen entfernt und bin dummerweise in diese menschenleere Straße eingebogen. Habe auch nicht die beiden jungen Männer bemerkt, die hinter mir her kamen. Bis sie mich überholt haben, vor mir stehen blieben, mich anschrieen und mir die Pistole vor den Kopf hielten.

Dunkler Hinterhof von SalernoSchon hundert Mal habe ich mir eine solche Situation vorgestellt, wenn ich in den dunkelsten Hinterhöfen in aller Welt oder zum Beispiel letztens in Salerno bei Napoli für eine Reportage unterwegs war. Nie ist mir was passiert, aber immer habe ich mir gesagt, dass ich niemals den Helden spielen werde. Und das war jetzt mein Glück. Ich bin nicht mal die Spur von aufgeregt.

Wenig später sitze ich in der vielleicht hundert Meter entfernten Polizeistation unter einem mächtigen Ventilator, der die schwülheiße Luft durchschneidet und gebe mein Pech den staunenden Polizeibeamten zu Protokoll. Die können gar nicht glauben, was da vor ihrer Haustüre passiert ist und zerren mich in Windeseile hinaus in ihren Streifenwagen. Mit heulender Sirene, Blaulicht und quietschenden Reifen rasen sie mit mir die kopfsteingepflasterte Strasse hinunter. Der Revolver des Beifahrers liegt derweil durchgeladen auf seinem Schoß. Dann halten sie mit einer Kelle die Straßenbahn an, die gemütlich auf dem Weg zu ihrer Endstation Petrobas Building Plaza rumpelt. Alle Augen blicken uns fragend an, während ich im Schutze der beiden Beamten nach meinen Dieben Ausschau halte. Ich schüttele den Kopf und wir setzen

unsere Fahrt fort. Aber nichts Verdächtiges tut sich. „In dieser Kneipe,“ so deutet der Beifahrer auf ein entfernt stehendes Haus, „wird der gesamte Rauschgifthandel dieser Region betrieben. Sicher landet auch deine Kamera heute dort.“ Nur, so erfahre ich, traut sich von der Polizei niemand dort hin.

Dann überrollt mich eine Welle der Hilfsbereitschaft. Der Polizeichef von Santa Teresa fährt mich zurück ins Hotel, da ich keinen Cent mehr für ein Taxi habe. Dort angekommen merke ich, dass mein Safeschlüssel auch weg ist, der zusammen mit meinen Dollarscheinen im Brustbeutel steckte, und der Safe erst am nächsten Tag für 160 Dollar vom Hotel aufgeschweißt werden muss. Da streckt mir mein freundlicher Polizist als Leihgabe aus seinem Portemonnaie einen 100 Dollarschein entgegen. Ich lehne dankend ab, werde aber von der Hotelchefin Maria Helena Alves zum Abendessen eingeladen.

Hoch hinauf geht's zum Zuckerhut in Rio

Noch mehr überrascht bin ich darüber, dass sie mir am nächsten Tag stolz „ihr schönes Rio“ mit einem von ihr gemieteten Taxi ausgiebig zeigt. Bei der Rio Tourist Police setzt sich Frau Alves am nächsten Tag derart für mich ein, dass ich von höchster Stelle zwei zivile Polizeibeamte und einen Polizeiwagen sowie deren Dienstkamera bereit gestellt bekomme.

Damit ich mir in Ruhe die Christusstatue auf dem Corcovade und die vielen schönen Sehenswürdigkeiten der Stadt ansehen kann, tragen meine beiden Meine beiden Beschützer Roberto und OswaldoBeschützer Roberto und Oswaldo jeweils zwei beachtliche Waffen im Hosenbund. Eine davon lasse ich mir beim Abendessen, zu dem ich meine beiden Beschützer zum Dank eingeladen habe, zeigen. Behutsam wird vorher das Magazin aus der Waffe genommen und die Kugel aus dem Lauf entfernt, bevor ich sie mir staunend auf dem Restaurant-Tisch anschaue. Derweil richten sich alle Gästeaugen auf die für sie komischen Gäste, die dann auch ihre Rechnung nicht bezahlen müssen.


Strand von Rio de JaneiroSo habe ich mir Sightseeing in Rio de Janeiro wirklich nicht vorgestellt. Aber trotzdem war die Chose nicht ohne Reiz, was mich jetzt aber zu einem weiteren Aufenthalt in dieser rechtlosen Stadt nicht mehr reizt. Und so sitze ich dann an einem heißen Morgen in einem einfachen Linienbus und verlasse Rio in Richtung Sao Paulo.

Eine der unzähligen Favelas von Rio de JaneiroLasse die unzähligen Favelas, die Armenviertel dieser Riesenmetropole auf der Küstenstrasse BR 101 hinter mir und freue mich über türkisfarbenes Meer mit wunderschönen Buchten, die jetzt zu sehen sind. Im Hinterland eine einzigartige Tropenmischung aller denkbaren Grünschattierungen, dichter Regenwald an steil ansteigenden Berghängen.

An den kurzen Steigungen der Costa Verde arbeitet der Motor unseres Linienbusses schwer, um meinen staunenden Augen auf einer Anhöhe den Blick auf friedliche Fischerdörfer vor silbern glänzendem Wasser frei zu geben. In so einer Idylle fällt das Atomkraftwerk in Angra gänzlich aus der Rolle.

Paraty

Nach vier Fahrstunden ist mein Ziel Paraty erreicht. Der Ortskern des hübschen kleinen Fischerortes wurde von der UNESCO unter Denkmalschutz gestellt. Nach und nach werden die stattlichen alten Kolonialhäuser liebevoll restauriert. Vor weit über 300 Jahren gegründet, war es im 18. Jahrhundert ein wichtiger Handelspunkt für Seefahrer aus der alten Heimat Portugal, die Gold, Edelsteine und Diamanten in diesem geschützten Hafen an Bord nahmen.

Jetzt suche ich aber zuerst einmal meine kleine Pension auf, die mir Frau Alves, meine Hotelwirtin in Rio, empfohlen und für mich gleich am Telefon reserviert hat. Und so finde ich das hübsche Haus in einem traumhaften Garten gelegen.

Später, nach gutem Einleben, erhalte ich den Tipp zu einer Bootsfahrt durch die Inselwelt zu paradiesischen Stränden. Und so schlendere ich am nächsten Morgen in aller Frühe mit Olympia und Claudio, zwei netten Hotelgästen, zum Hafen. Dort entscheiden wir uns für einen alten zweimastigen Holzschoner, in dessen Bugnetz wir in frischer Brise an kleinen und großen Kleine Insel bei ParatyInseln mit atemberaubender Flora entlang getragen werden. Lassen uns dabei kalte Drinks servieren und beobachten in unmittelbarer Nachbarschaft die Flossen von Delphinen. Dass ich das alles nicht fotografieren kann, stimmt mich in diesem Moment traurig, was Claudio denn auch meinem Gesicht ansieht. Und so bekomme ich seine Kamera mit der größten Selbstverständlichkeit als Leihgabe herüber gereicht. Gemeinsam klettern wir aus dem Bugnetz und gehen zur Kombüse, wo frisch gefangener Fisch auf Holzkohlenfeuer brutzelt.

Bootsausflug durch die Inselwellt von ParatyWird der Anker mit einem ohrenbetäubenden Lärm hinunter gelassen, so wollen nur wenige mit dem kleinen Schlauchboot zu den palmengesäumten Stränden hinüber fahren. Die meisten können es kaum erwarten, vom Boot aus in warme Tropenwasser zu springen und sich von den kleinen Wellen tragen zu lassen.

Erst spät am Nachmittag sind wir gut gelaunt zurück und ich schlendere mit meiner Hotelbekanntschaft aus Brasilia durch Paraty, schauen uns die alten Pousadas, die Kolonialhotels, mit ihren tropischen Gehölzen in ihren Innenhöfen an und bestaunen die guten alten Möbelstücke.

ParatyWie vor Urzeiten holpern heute noch Pferdekarren über die alten Steinplatten der für Fahrzeuge gesperrten Innenstadt. Es bedarf schon einer gewissen Gewöhnung, auf diesen runden, von Jahrhunderten geschliffenen Steinen nicht zu stolpern oder auszurutschen. Die Baumeister haben den Ort seinerzeit so angelegt, dass das Flutwasser fast in allen Straßen wadentief steht, man aber auf den hohen Bürgersteigen trockenen Fußes durch den Ort gelangt. Möchte man eine dieser schmalen Altstadtgassen bei Hochwasser überqueren, so kann man das nur an wenigen Stellen machen, an denen hohe Steine inmitten der Strasse vorhanden sind, neben denen aber auch ein Pferdegespann ungehindert fahren kann. Dass mit dem Hochwasser das Schmutzwasser aus den Häusern fortgespült werden sollte, können wir nur annehmen.

Viele Galerien und Kunsthandwerkstätten sind hinter Fassaden mit farbenfroh gestrichenen Fensterrahmen und dicken alten Holzhaustüren versteckt. Paraty, so stellen wir fest, hat eine große Auswahl von guten Restaurants.

Egal, welches wir in den nächsten Tagen aufsuchen, alle Portionen sind so groß, dass zwei Personen zu einem günstigen Preis davon gut satt werden. Dabei muss ich immer an die Kinder denken, die in Rio vor den Restaurants darauf gewartet haben, dass sie sich die letzten Reste, die die Gäste auf ihren Tellern übrig gelassen haben, in ihre mitgebrachten Plastiktüten schütten konnten.

An einem brasilianisch heißfeuchten Nachmittag mieten wir uns Fahrräder und strampeln eine leichte Anhöhe hinauf in den Regenwald. Wir haben davon gehört, dass dort oben in Cachoeira da Corda wunderbare Wasserfälle sein sollen, auf denen man prächtig in klare Bergseen rutschen kann.

Die hübsche kleine Wildwasserlandschaft entschädigt die mühevolle Anfahrt und die vielen Moskitostiche an den Füßen. So rutschen wir schon kurze Zeit später mit viel Geschrei über spiegelglatte Felsplatten in klare Bergseen, schwimmen nach Herzenslust und setzen uns ab und an dort hin, wo das Sonnenlicht seinen Weg durch das dicke Blätterwerk findet, um in den Urwald mit allen Sinnen hinein zu horchen.

Strand von ParatyIn einem solchen Moment denke ich an die fast menschenleeren Buchten mit mächtigen, rund geschliffenen Steinen.

Da kommen mir aber auch die zwei kleinen Strandbars in den Sinn, in denen mich einheimische Barmixer mit köstlichem Zuckerrohrschnaps auf Eis und Bitter Lemon überrascht haben.

Strandleben in ParatyIn dieser Robinson-Illusion kann ich Rio getrost vergessen. Da ist nur ein dankbares Gefühl an eine beherzte Hotelchefin, die mir auf ihre Kosten mit einem Taxi ihre an sich wunderbare Stadt gezeigt und mich anschließend zu einem aufgeschlossen freundlichen Polizeichef gebracht hat, der mir „Geleitschutz“ gab.

Jetzt hier, an der Costa Verde, fühle ich mich wieder sicher. Sie ist auch für den verwöhnten Abenteurer von großem Reiz, da man hier auf den Komfort von einfachen bis guten Hotels nicht verzichten muss. Eine Traumlandschaft mit weiten Sandstränden, auf der nur ab und zu die Spuren von Menschen oder Tieren zu erkennen sind.

Gerd Krauskopf

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