Menschen, Reisen, Abenteuer Headgrafik

Ostafrika

Sansibar – tropisches Eiland mit Traumstränden und wechselvoller Geschichte

Von einem kanadischen Hotelmanager, der die feucht-kalten Winter in seiner Heimat nicht mag, Sklaven-Kellern, Plattenbauten, paradiesischen Stränden, farbenfrohen Unterwasserwelten und riesigen Schildkröten

Von Uwe Junker

Jeden Morgen, bevor die große Hitze kommt, spaziert Jordon Ozero mit Ehefrau und Hund durch die weitläufigen tropischen Gärten des Royal Sansibar Beach Resort, um nach dem Rechten zu sehen.

Jordon Ozero„Ich mag diese manchmal verdammt langen und kalten Winter bei mir zu Hause in Vancouver nicht, deshalb bin ich vor fünf Jahren hier her gekommen“, erklärt der Vater und Großvater einer kanadischen Großfamilie. „Aber Weihnachten bin ich natürlich in Vancouver, um mit meinen Kindern und Enkeln vorm knisternden Kamin zu sitzen“, schränkt er seine Kanada-Abneigung sogleich wieder ein.“ Überhaupt ist dieser Jordon eher ein kosmopolitaner Globetrotter: Er hat Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ gelesen und sich bald danach selbst auf den Jakobsweg begeben, die Besteigung des Kilimanjaro plant er für 2017.  Aber „seine“ Insel Sansibar mit ihrer wechselvollen Geschichte, ihren Licht- und Schattenseiten hat es ihm besonders angetan, die kennt er aus dem Effeff. Zu letzteren gehören manche der am Strand nervenden und ihre Reiseführerdienste feilbietenden Beachboys. „Die sind oft schlecht informiert, wollen mit den Touristen schnelles Geld machen, einige sind auch Kleinkriminelle“, wird Jordan recht deutlich und verabredet mich und meine Familie für den nächsten Tag mit Gustav, der sein volles Vertrauen genieße und uns durch die Inselhauptstadt Stone Town führen soll.

Gustav beginnt seine Führung dort, wo die Geschichte ihre wohl dunkelsten Spuren auf der Insel hinterlassen hat, an der anglikanischen Kirche, die Bischof Steer, vehementer Gegner der SansibarSklaverei 1873 genau dort errichten ließ, wo sich der letzte Hauptsklavenmarkt vor Abschaffung der Sklaverei in den 1860er Jahren befunden hatte. Unweit der Kathedrale ein berührendes Denkmal: Männliche und weibliche Sklaven in einer Grube, am Hals angekettet. SansibarWenig später wird es dunkel und echt bedrückend. Gustav hat uns in die Sklavenkeller eines herrschaftlichen Handelshauses geführt. Man kann nicht aufrecht stehen, stählerne Ösen für Sansibardie Befestigung der Ketten sind die nackten Steinböden eingelassen, etwas tiefer sind Rinnen zu erkennen, in denen die Notdurft der hier gefangenen armen Kreaturen abfließen konnte. 

Wieder unter freiem Himmel machen wir einen historischen Sprung, stehen unvermittelt inmitten eines Kolosses von Plattenbauten- eine sich sternförmig in vier Richtungen ausbreitende Karl-Marx-Allee der Tropen. Wie kam die DDR nach Sansibar? „Die Häuser waren eine Spende von Walter Ulbricht für den einstigen sozialistischen Brüderstaat“, weiß Gustav. „Denn als der sozialistische Revolutionsführer Abeid Karaume 1964 die unabhängige, halbautonome Volksrepublik Sansibar ausrief und die Insel mit Tansania vereinigt wurde, führte sein erster Staatsbesuch in die DDR, seine erste Amtshandlung war deren diplomatische Anerkennung.“ Heute leben 20.000 Menschen in den „German Flats“. Die sind inzwischen zwar schwer runtergekommen, doch sie haben gerade Wände, zumindest funktionierende Reste von Bädern und Einbauküchen. „Und all dies findet man in den Häusern der Altstadt eben nicht“, stellt SansibarGustav klar. Tatsächlich versprüht das UNESCO-geschützte historische Zentrum einen eher morbiden Charme, doch Teile sind bereits gelungen restauriert: Prächtige Sultanspaläste und indische Handelshäuser, Gustav weist immer wieder auf die traditionellen, kunstvoll geschnitzten Swahili-Türen hin, die viele dieser Bauten zieren. Schöne Viertel liegen zwischen SansibarGizenga und Huzumi Street mit der katholischen St. Josefs Kathedrale und dem Shiva-Shakti-Hindutempel sowie am Beginn der Kenyatta Street in der Umgebung des Geburtshauses von SansibarFreddy Mercury, dem legendären Sänger der Rockband Queen (1946-1991). In den unruhigen Zeiten des Unabhängigkeitsaufstandes zog dessen Familie nach London.

Jordon hat auf Sansibar einen netten Freundeskreis. Zum Tauchen und Schnorcheln vertraut er uns dem deutsch-südafrikanischen Paar Michael und Deline an, die zehn Strand-Wander-Minuten von seinem Hotel entfernt die sehr gut ausgestattete Tauchbasis „East Africa Divers“ betreiben. Bei einer unserer Touren hält Michael mit seinem schnellen Schlauchboot gerade auf die unter Naturschutz stehende Insel Mnemba zu, als ein Schwarm Delfine unseren Kurs kreuzt. Michael legt eine Pause ein, wir lassen uns eine ganze Weile vom faszinierenden Naturschauspiel dieser scheinbar wenig menschenscheuen, um unser Boot herum tollenden SansibarTiere gefangen nehmen. Wenig später sind wir unter Wasser, genießen bei wieder sehr guter Sicht den Anblick tropische Fische und farbenfroher Korallen, lassen unseren Blick weiter weg schweifen und entdecken eine weitere, große Gruppe Delfine, die in einer Tiefe von zwei bis 10 Metern nahezu reglos im Indischen Ozean steht – ein friedlich erhabenes Bild.

Der gellende Schrei einer Touristin stört unsere nachmittägliche Siesta am Strand. Sie ist in einen Seeigel getreten. Unvermittelt wirft darauf hin einer der Massai, die Jordon zur Bewachung der Hotelzugänge einsetzt, seinen Hirtenstab zielsicher in die Krone eines Papaya Baums, kurz später landet eine ganze Papaya im Sand. Der Massai zerteilt sie und fährt in kreisenden Bewegungen mit der Innenseite der Frucht über den schon tiefroten und geschwollenen rechten Großzehenballen der jungen Frau. Kaum eine Viertelstunde später kann sie dankbar lächeln, Rötung, Schmerz und Schwellung sind verschwunden. „So verschmelzen hier bei uns oft traditionelle und westliche Medizin“, erklärt uns Jordon, der mit einer Cortison-haltigen Salbe herbei geeilt ist, die aber nicht mehr gebraucht wird. „Allerdings bleiben die Einheimischen gegenüber unseren schulmedizinischen Methoden skeptisch, setzten lieber die auf Sansibar reichlich gedeihenden Heilkräuter ein und umgekehrt ist es nicht wesentlich anders“, meint er.

Auf seine Empfehlung hin sind wir noch einmal mit Gustav unterwegs. Er motiviert uns noch zu einem Ausflug nach Prison Island. Der erste Sultan Sansibars, Majid bin Said, schenkte das kleine Eiland einst zwei arabischen Sklavenhändlern. Die errichteten dort ein Gefängnis, wo sie widerspenstige Sklaven vor ihrem Verkauf auf dem Markt in Stone Town züchtigten. Später Quarantänestation, um die Ausbreitung von Gelbfieber zu verhindern, präsentiert sich Prison SansibarIsland heute als stilles Naturparadies. Als wir dort ankommen ist Ebbe, in den seichten Ufergestaden sammeln einheimische Frauen gerade Algen und kleine Meerestiere zum Kochen. Auf der Insel kommen uns ihre heutigen Bewohner schon gemächlich-majestätisch entgegen: Aldabra-Riesenschildkröten. Vier dieser Tiere kamen 1919 als Geschenk des Gouverneurs der Seychellen hierher. Die zahlreichen Nachfahren dieser sanften archaischen Riesen sind nun Prison Island´s größte Touristenattraktion.Sansibar „Sansibar ist wie Marrakesch auf Sylt mit einer Prise Kuba. Eine Insel mit Eigenleben, nicht wie die Malediven oder Seychellen, die hauptsächlich aus Touristenresorts bestehen“, schrieb Andrea Tapper, Autorin des Buchs „Sansibar with Love“, 2015 in der WELT. Stimmt!

Powered by: AOS - Design in Eislingen - Homepages vom Fachmann
Menschen, Reisen, Abenteuer